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Gar nicht mehr allein in Berlin


Der altehrwürdige Friedrichstadtpalast im ehemaligen Ostteil Berlins ist das größtes Revue-Theater Europas und gehört zu den Institutionen der Hauptstadt. Völlig verschwunden ist der miefige DDR-Charme jedoch nicht. Denn trotz seiner über 100jährigen Geschichte sind heute vor allem die Jahre seit der Wiedereröffnung 1984 in Erinnerung. Genosse Honecker klatschend in der ersten Reihe, entzückt über die Darbietungen der Ballett-Truppe. Im Friedrichstadtpalast fand er eine geeignete Projektionsfläche für die Inszenierung eines glücklichen Volkes. „Seht her, uns geht’s gut“, lautete die Botschaft an den Westen. Brot und Spiele eben. Die Mauer war nur wenige hundert Meter entfernt.


Wofür steht der Friedrichstadtpalast heute? Das Theater selbst rühmt sich seiner kulturellen Vergangenheit. Ob die jedoch eine Show sehenswerter macht, sei dahingestellt. Marlene Dietrich war da und eine Reihe anderer Weltstars, die die Massen anzogen. Heute ist es eher die ältere Generation und die der Pauschaltouristen, die Interesse an Revuetheater hat. Bei Eintrittspreisen bis zu 70 Euro konkurriert der Friedrichstadtpalast hart mit anderen Shows wie der „Blue Men Group“ im Theater am Potsdamer Platz oder „Stars in Concert“.

 

Dr. Berndt Schmidt ist seit dem 1. November neuer Geschäftsführer des Friedrichstadtpalastes. Er sagt: „Der Friedrichstadtpalast ist der schönste Schritt meiner bisherigen Laufbahn. Ich liebe dieses wunderbare Haus und habe große Achtung vor seiner kulturellen Geschichte“. Doch hinter der Fassade in Zuckerbäcker-Architektur bröckelt der Putz. Das Haus kann ohne Subventionen nicht überleben und hängt am Tropf öffentlicher Gelder. So gesehen finanziert sich der Palast immer noch ‚sozialistisch’. Trotz jährlicher Subventionen von über 6 Mio. Euro ist in 2007 schon ein Minus von drei Millionen aufgelaufen. Als eine der ersten Maßnahmen kündigt der neue Chef Entlassungen an.

 

1.890 Plätze bietet der große Saal. Genau darin liegt auch das Problem. Das Verhältnis von einem über 50-köpfigen Ensemble auf der Bühne und einem riesigen nur zu zwei Dritteln belegten Saal passt einfach nicht. Hinzu kommen das Orchester, Techniker und Servicekräfte. Als Prestigeobjekt der DDR kam es nicht auf Wirtschaftlichkeit an. Den großen Shows des Friedrichstadtpalasts fehlt das junge Publikum. Das geht lieber zum Quatsch Comedy Club. Dieser hat im kleinen Saal sein Zuhause.

 

Im Friedrichstadtpalast laufen mehrere Programme gleichzeitig. Zur Zeit läuft noch die Revue „Rhythmus Berlin“, eine weitgehend handlungsfreie Show mit Tanz, Gesang und Akrobatik. Die Darsteller singen von der Nacht, von Suche und Sehnsucht, dass Berlin eine aufregende Stadt sei, sie tanzen vor dem Pergamonaltar und im Berlin der Kaiserzeit. Bühnentechnisch ist die Show absolut auf der Höhe der Zeit. Mal schweben die Akteure von oben ein, dann erscheint von unten ein Brunnen auf der Bühne. Ein Paar vollbringt artistische Darbietungen in einem Wasserbottich, der über der Bühne schwebt - die Caesar Twins lassen grüßen. Doch wer die seichten Geschichten und Textzeilen à la „Im Lichtschein leucht’ ich allein, ich bin allein in Berlin“ nur schwer erträgt, gehört eher nicht zur Zielgruppe und sucht sich sein „Amüsemang“ woanders.

 

Ab dem 20. November bis zum 2. Weihnachtstag zeigt der Friedrichstadtpalast seine Weihnachts-Revue „Jingle Bells 2007 – ein Weihnachtstraum“. (ts)



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