life@ magazin :: Unterwegs :: 

Die Sonne geht im Norden auf - Beobachtungen von der Hallig Hooge


Raus aus den Stiefeln. Weg mit den Socken. Einige unbeholfene Schritte über den harten Stein, dann sinkt der Fuß leicht in den Sand und kaltes Wasser umspült die Zehen. Das Watt. Unendliche Weiten. Weiter als jedes Auge reicht. Alle Zivilisation ist so weit weg. Der Himmel leuchtet blau an diesem Herbsttag und die Sonnenstrahlen funkeln in den bei Ebbe verbleibenden Wasserpfützen. Licht, Luft, Erde, Wasser. Intensiv und frisch.


Alle Elemente, die im großstädtischen Festlandleben rein auf ihre Funktionalität reduziert sind, bestimmen auf einer Hallig das ganze Leben ihrer Bewohner.

 

Einer von ihnen ist Michael Klisch. Er leitet die Schutzstation Wattenmeer auf Hooge, einer Ausstellung über die Entwicklung der Halligen, mit Landschaftsmodellen und Gezeiten-Aquarium. Der 41jährige machte schon seinen Zivildienst auf Hooge und führt heute Besucher ins Watt. „Was man schützen will, sollte man mal gesehen haben“, lautet seine Devise. Wie zum Beweis greift er während der Wattwanderung ins Wasser und hält einen Krebs in den Händen.

 

Hier draußen ist von Hektik oder Eile nichts zu spüren. Statt Alltagslärm des Festlandes gibt es nur die Geräusche der Natur. Das Leben auf einer Hallig ist langsamer. Übersichtlicher. Einfacher. Zumindest scheinbar. Denn die Probleme der großen weiten Welt sind auch hier angekommen: „Der Klimawandel ist da, der Meeresspiegel steigt“, sagt Herr Klisch.

 

Von der Hallig Hooge geht es zum Japsand, einer Sandbank südöstlich von Amrum.

 

Dreieinhalb Stunden auf dem Grund der Nordsee. Das Wattenmeer ist der größte Nationalpark in Europa und Knotenpunkt des Vogelzugs: 10 bis 12 Millionen Vögel kreuzen die Halligen jedes Jahr.

 

Die Halligen sind dazu die Wellenbrecher der Nordseeküste. Überschwemmungen sind normal, etwa 8 – 10 Mal im Jahr heißt es „Landunter“. Dann schauen nur noch die umfluteten Warften aus dem Wasser. Da die Sturmfluten aus dem Atlantik erstmals an den  Halligen auf Land treffen, schützen sie die Nordseeküste und legitimieren so die hohen Subventionen, mit denen der Staat die Infrastruktur erhält.

 

100.000 Tagesgäste besuchen die Hooge jedes Jahr. Dazu kommen noch einige Tausend Feriengäste, die mehrere Tage bleiben. Ohne den Fremdenverkehr könnten die gut 100 Bewohner von Hooge nicht existieren, obwohl der Küstenschutz zumindest jedem männlichen Hallig-Bewohner einen Arbeitsplatz garantiert. Die wenigen festen Arbeitsstellen gibt es neben dem Tourismus vor allem in der Landwirtschaft.

 

Wellness-Kuren im 5-Sterne-Hotel gibt es hier nicht. Ebenso wenig Club-Urlaube oder Management-Kurse. Dabei ist Hooge als zweitgrößte der 10 Halligen gut erschlossen. Das heißt, es gibt feste Straßen. Natürlich unbeleuchtet. Die Warften verteilen sich auf etwa 5,5 qkm. Das Zentrum bilden die Backenswarft und die Hanswarft. Dort gibt es Restaurants und Telefonzellen. Und Briefkästen, die tideabhängig geleert werden. Strom und Wasser kommen vom Festland.

 

Hooger sind lässig. Ihre Autoschlüssel stecken im Schloss, Haustüren sind grundsätzlich nicht abgeschlossen. Wozu auch? Ihre Häuser haben auch keine Klingel. „Einfach reingehen und ‚Moin’ rufen“ lautet die nüchterne Empfehlung an den von so viel Offenheit sichtlich irritierten Städter. In den Sommermonaten kommt einmal im Monat ein Polizist zur Sprechstunde. An so einem Tag tragen alle Hooger Motorradfahrer einen Helm.

 

Uwe Jessel ist der Grund- und Hauptschullehrer auf Hooge. Er ist nicht nur Lehrer, sondern auch Direktor und Hausmeister in einer Person. Gerade mal 6 Schüler aus den Klassen 2 bis 9 unterrichtet er. Am Ende des Gesprächs sagt er: „Jetzt würde ich gerne mein Bett weiterbauen. Nachher kommt Besuch und der soll darin schlafen.“ Wie gesagt: Hooger sind lässig. (ts)



Aktuell

Kosmos Himmelsjahr 2009

Der lohnende Blick nach oben - Sonne, Mond und Sterne im Jahreslauf 2009 Das führende...


Managementberater gründen Institut für ganzheitliche Führung

Die Unternehmensberater Dr. Andreas F. Philipp und Martin F. Lerchner gründen in Schloss Seefeld...


Der Tod eines Keilers

Ein riesiger Keiler schnauft, tödlich getroffen. Die mächtigen Hauer ragen aus dem halboffenen Maul...


College am Hindukush wechselt Spitze

Sascha Hertel ist seit Februar neuer Direktor des Afghan German Management College (AGMC), das...


Deutsch! Das Handbuch für attraktive Texte

Wer Bastian Sick gelesen und mit ihm sein Deutsch aufgebessert hat, der ist sehr verwöhnt. Andere...


Die Null ist das Ziel

Die Schuldenuhr rast. Einen Berg von fast 1,5 Billionen Euro Verbindlichkeiten hat unser Land bis...


Gar nicht mehr allein in Berlin

Der altehrwürdige Friedrichstadtpalast im ehemaligen Ostteil Berlins ist das größtes Revue-Theater...


Die Sonne geht im Norden auf - Beobachtungen von der Hallig Hooge

Raus aus den Stiefeln. Weg mit den Socken. Einige unbeholfene Schritte über den harten Stein, dann...


Vom Entwicklungsprojekt zum Wirtschaftsmotor

Afghanistan gilt derzeit als ein Land, das mit den Taliban und Drogenbaronen zu kämpfen hat. Die...


Bahnfahren bildet

Unsere Redakteurin im Fahrsimulator

Ein heftiger Ruck, Alarm tönt aus den Lautsprechern, überall blinken gelbe Warnanzeigen: Nothalt!...